Dienstag, 14. August 2007

Faccia A Faccia (DVD) | 11. August 2007

E·I — 1967 | Regie: Sergio Sollima (...)

Eröffnungstitel

Faccia A Faccia Poster (D)Halleluja — der Teufel hat Euch geritten!
Der deutsche Video- bzw. Wiederaufführungstitel zeigt deutlich, mit welchen Klischees der "Spaghettiwestern" aufgrund (zu) vieler (unter-)durchschnittlicher Produktionen zu kämpfen hat(te). Die Haltung, dieser Filmgattung peinlich-billige Titel zu verpassen, die (ob gewollt bzw. berechtigt oder nicht) minderwertige Ware suggerieren, wird auf dieser wunderbaren Seite herrlich persifliert, könnte allerdings im Falle des hier besprochenen Films kaum mehr fehl am Platz sein ...
Sollimas zweiter Western besitzt alles was das Genreherz begehrt (ja, auch Ennio Morricone ist erneut genussvoll zu vernehmen!), dürfte aber gleichzeitig auch zu den außergewöhnlichsten Vertretern zählen. Wie der Originaltitel andeutet, konzentriert sich der Film in hohem Maße auf die beiden Hauptcharaktere und deren wechselseitige Beziehung & Entwicklung — wohl ein Grund, warum der Regisseur Faccia A Faccia als einen seiner wichtigsten Filme bezeichnet.
Der zurückhaltende & gutbürgerliche Geschichtsprofessor Brad Fletcher (Gian Maria Volontè), der aus gesundheitlichen Gründen ins für ihn klimatisch vorteilhaftere Texas zieht, trifft darin unfreilwillig auf den berüchtigten Banditen Solomon 'Beauregard' Bennet (Tomas Milian). Sind zu Beginn beide aufgrund der äußeren Umstände aufeinander angewiesen, entwickelt sich im Verlaufe der Zeit ein gegenseitiges Interesse an den Einstellungen & Ansichten des jeweils anderen, das mehr & mehr auch das Handeln beeinflusst — mit dramatischen Folgen ...

Der Erfolg von La Resa Dei Conti verschaffte Sollima volle Freiheit bei seinem zweiten Film, der noch deutlicher charakterbasierte und gesellschaftskritische Züge trägt als sein Vorgänger. Das zusammen mit Leone-Kollaborateur Sergio Donati verfasste Drehbuch lässt kaum Wünsche offen und macht vor allem die Wandlung Fletchers vom minderwertigkeitszerfressenen Pazifisten zum machtbesessenen Bandenführer anhand z.T. bildhafter Schritte hochinteressant/-spannend & transparent. So begeht dieser z.B. in Purgatory City, der 'Stadt des Fegefeuers', seinen ersten Mord, während Bennet dort seinen letzten Schusswechsel hat ... Die schauspielerischen Leistungen stehen dem Drehbuch allerdings in nichts nach: Volontès Darstellung von Fletcher, dessen Körper im gleichen Maße regeneriert wie seine moralische Haltung degeneriert, ist beeindruckend. Auch der Österreicher William Berger liefert eine bärenstarke Verkörperung des (real existierten) Pinkerton-Agenten Charlie Siringo ab. Milians ernster 'Beauregard' Bennet ist insgesamt unauffälliger und hat nichts mehr mit dem schlitzohrigen Habenichts Cuchillo des vorangegangenen Films gemein.

Ob ein gebildeter Intellekt einen Menschen zu noch größeren Perversionen befähigt als es ohnehin schon der Fall wäre, ist eine der diversen und interessanten Fragestellungen, die Faccia A Faccia aufwirft. Dass der Film dies ohne einen aufdringlichen, erhobenen Zeigefinger tut und zudem noch einfach klasse unterhält, ist eine beachtliche Kunst, die Sollima meisterhaft beherrscht.

Fletcher & Siringo"Wer ist gerecht?! Es gibt keine Gerechtigkeit! Das ist etwas, was Du erfindest, wenn Du die Macht hast, die Gewalt!"